Wer mit Neelix spricht, merkt schnell: Für ihn ist Musik weit mehr als Unterhaltung. Sie ist Ausdruck von Gedanken, Erinnerungen und Emotionen. Im Gespräch mit Ravepedia erzählt er, warum er nie den einfachen Weg gewählt hat, weshalb Perfektion zugleich Antrieb und größte Herausforderung ist und wie persönliche Geschichten ihren Weg bis auf die Festivalbühne finden.
Ravepedia:
Du bist mittlerweile seit vielen Jahren Teil der elektronischen Musikszene. Wenn man auf deine Karriere zurückblickt, fällt auf, dass du nie einfach Trends hinterhergelaufen bist, sondern immer deinen ganz eigenen Sound entwickelt hast. Wie wichtig war dir das?
Neelix:
Für mich gibt es zwei grundlegende Werte, aus denen mein Antrieb entsteht. Die entscheidende Frage lautet: Warum mache ich das überhaupt?
Ich mache Musik, weil ich Kunst erschaffen möchte. Es ging mir dabei nie um Erfolg, Geld oder Ruhm. Natürlich freue ich mich, wenn Menschen meine Musik mögen – aber das war nie der eigentliche Antrieb.
Schon 1996 habe ich gemerkt, dass mich elektronische Musik fasziniert. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass genau die Musik, die ich hören wollte, gar nicht existierte. Also habe ich angefangen, sie selbst zu produzieren. Die ersten Songs haben fünf oder sechs Jahre auf sich warten lassen, aber genau so hat alles begonnen.
„Perfektionismus ist mein größter Antrieb – und gleichzeitig mein größter Feind.“
Bis heute höre ich in fast jeder Idee Potenzial. Wenn mir jemand einen Track schickt, denke ich oft: Da steckt ein Diamant drin – man muss ihn nur noch freilegen. Wahrscheinlich nennt man das Perfektionismus. Gleichzeitig ist das aber auch mein größter Feind, weil er mich oft ausbremst.
Erst gestern habe ich einen neuen Song veröffentlicht, der komplett anders klingt als alles, was ich bisher gemacht habe. Ich habe versucht, Melodien aus den Achtzigern mit Hard Techno, Psytrance und Trance-Elementen zu verbinden. Von diesem Track gab es am Ende rund 170 verschiedene Versionen, bis irgendwann jemand gesagt hat: „Die erste Version war eigentlich schon richtig gut.“
Dann habe ich sie fertiggestellt.
Ich wünsche mir, dass Künstler wieder mehr Mut haben, Menschen mit ihrem eigenen Sound zu begeistern – und nicht mit dem Sound, der gerade im Trend liegt.
Viele Künstler verfolgen dagegen ein Konzept, das funktioniert: Sie tauschen Melodie oder Vocals aus, behalten aber Geschwindigkeit, Drums und Sounddesign über Jahre nahezu identisch. Das kann ich nachvollziehen. Für mich fühlt sich das allerdings oft so an, als würde man versuchen, Erfolg zu erzwingen.
Ich möchte lieber Musik machen, die es vorher noch nicht gab.
Wenn ihr verstehen möchtet, was ich meine, dann hört euch mal „Polaroid“ an. Viele werden sich wahrscheinlich fragen: Kann man dazu überhaupt tanzen? Was soll das eigentlich sein?
Genau solche Fragen liebe ich.
Auf derselben EP gibt es außerdem den Track „Cardamom“. Den wollte ich ursprünglich gar nicht veröffentlichen, weil ich mit dem Break nicht zufrieden war. Mein Management hat dann einfach gesagt: „Dann lass den Break doch weg.“
Darauf wäre ich selbst nie gekommen.
Früher war es übrigens ganz normal, dass ein bekannter DJ drei Stunden gespielt hat und kein einziger Track dabei war, den man kannte. Die Künstler wollten ihren eigenen Sound präsentieren und hatten sogar Angst, dass jemand ihre Sets mitschneidet.
Heute beobachte ich oft, dass ein neuer Song erscheint und wenige Tage später plötzlich jeder eine Hard-Techno-, Psytrance- oder Hardstyle-Version davon veröffentlicht.
Ich wünsche mir, dass Künstler wieder mehr Mut haben, Menschen mit ihrem eigenen Sound zu begeistern – und nicht mit dem Sound, der gerade im Trend liegt.
Ravepedia:
Deine Sets leben von Melodien, Emotionen und einer ganz besonderen Atmosphäre. Gerade hier auf dem Airbeat One entstehen immer wieder Momente, die vielen Besuchern lange im Gedächtnis bleiben. Woran merkst du auf der Bühne, dass gerade etwas Besonderes passiert?
Neelix:
Ob diese Momente den Menschen wirklich lange in Erinnerung bleiben, weiß ich gar nicht.
Für mich ist der Dancefloor eher ein Spiegel meiner eigenen Gedanken.
Vor Kurzem haben wir eine Dokumentation gedreht. Der Filmemacher hat meinen Vater gefragt, was er von Neelix hält. Seine Antwort hat mich unglaublich berührt.
Heute ist genau diese Aufnahme Teil meines Live-Sets.
Mein Vater spricht darin über mich, und jedes Mal, wenn ich diese Worte höre, fühle ich sie aufs Neue. Auch meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester finden auf unterschiedliche Weise ihren Platz in meinen Shows.
Alles, was mich als Mensch ausmacht, fließt in meine Musik und meine Sets ein.
Vielleicht ist das eine Form von Therapie – vielleicht aber auch einfach die ehrlichste Art, Kunst zu machen.
Ich hoffe einfach, dass die Menschen diese Emotionen spüren.
Ravepedia:
Zum Abschluss noch unsere Ravepedia Signature Question. Stell dir vor, jemand hört deine Musik zum allerersten Mal – spät in der Nacht, genau in dem Moment, in dem sich alles richtig anfühlt. Welches Gefühl soll dieser Mensch erleben?
„Es darf scheppern – aber es muss trotzdem schön sein.“
Neelix:
Ich wünsche mir, dass dieser Mensch denkt:
„Wow … das kannte ich bisher nicht. Was war das gerade?“
Etwas, das gleichzeitig völlig überrascht und berührt.
Ich liebe Hard Techno, ich liebe Hardstyle – aber ich mag es besonders, wenn Musik trotz ihrer Energie auch Schönheit vermittelt.
Wenn jemand nach meinem Set sagt:
„Das hat komplett gescheppert – und trotzdem war es wunderschön.“
Dann habe ich genau das erreicht, was ich mit meiner Musik ausdrücken möchte.
Denn genau an diesem Gefühl arbeite ich seit vielen Jahren.
Ravepedia:
Wir danken dir für das Interview und freuen uns auf viele weitere tolle Momente mit dir!
Wirf auch einen Blick in unsere weiteren Interviews und erfahre spannende Stories zu deinen Lieblingskünstlern!

