ANVEE im Interview: Zwischen Festivalbühnen, Freundschaft und Durchhaltevermögen

Vom ersten Auftritt auf großen Festivalbühnen bis hin zu einer eigenen Community, die mit Flaggen und Shirts vor der Bühne steht – bei ANVEE hat sich in den vergangenen Jahren einiges entwickelt. Im Gespräch mit Ravepedia sprechen Eva und Lena über ihren bisherigen Weg, Herausforderungen in der Harddance-Szene, ihre Freundschaft und die Ziele, die sie für die Zukunft noch haben.


Ravepedia:

Heute sind wir hier beim Ferdinands Feld Festival. Wie habt ihr euren Auftritt erlebt?

ANVEE:

Eva: Viel besser als erwartet. Wobei – eigentlich ist es oft besser als erwartet. Dieses Mal waren wir trotzdem etwas verunsichert. Sonst haben wir immer auf der Hardstyle Stage gespielt und dort war selbst beim Opening schon unglaublich viel los.

Dieses Jahr gab es eine zweite Bühne und wir liefen parallel zu Noisetime. Da macht man sich natürlich als kleinerer Act Gedanken, ob überhaupt jemand kommt. Umso schöner war es dann zu sehen, wie viele Menschen tatsächlich da waren und wie viel Energie sie mitgebracht haben.

Lena: Ja, absolut.

Eva: Die Leute hatten einfach Bock. Du sagst einmal ins Mikrofon „Hände hoch“ und plötzlich gehen von vorne bis hinten alle Hände hoch. Teilweise musste ich gar nichts sagen, die Stimmung war sofort da. Das war schon ein richtig gutes Gefühl.

Lena: Genau das ist die schönste Belohnung. Wenn du die Menschen nicht erst motivieren musst, sondern sie von sich aus komplett dabei sind. Man hat einfach gemerkt, dass sie Lust auf das Set hatten.


Vom Contest-Gewinn auf die Festivalbühnen

Ravepedia:

Heute sieht man euch auf großen Festivalbühnen fast schon selbstverständlich. Wenn ihr an eure Anfänge zurückdenkt: Wie schwer war es wirklich, euch diesen Platz in der Szene zu erarbeiten?

ANVEE:

Tatsächlich hatten wir einen ziemlich verrückten Start. Ich würde sogar sagen, dass genau das manchmal auch ein bisschen unser Problem war.

Unsere ersten Auftritte fanden direkt auf großen Bühnen statt, obwohl wir eigentlich noch gar nicht richtig bereit dafür waren. Zu der Zeit waren es DJ-Contests, durch die wir diese Chancen bekommen haben und da muss man rückblickend auch ehrlich sagen – bei einigen dieser Gigs waren wir mit Sicherheit nur die Quotenfrauen.
Das hat viele in der Branche ziemlich frustriert, weil sie gern selbst dort gestanden hätten oder der Meinung waren wir verdienen das alles nicht.

Und da fing es an wirklich schwierig zu werden – wir wollten nicht mehr die Quotenfrauen sein, sondern gebucht werden weil man uns als Act feiert. Ausgerechnet in dieser Phase sind in unserer „Karriere“ ein paar ziemlich miese Sachen passiert die uns komplett aus der Bahn geworfen und verunsichert haben.

Zum Glück konnten wir uns aber gegenseitig wieder pushen und daraus ist so ein bisschen diese „jetzt erst recht“ Mentalität entstanden. In der Zeit haben wir wirklich sehr hart daran gearbeitet uns und unsere Shows weiterzuentwickeln, haben auf Social Media Gas gegeben und angefangen selbst Mashups und Remixe zu produzieren.

Heute werden wir gebucht, weil Veranstalter uns haben möchten – und weil die Leute teilweise auch gezielt wegen uns kommen.
Damals kannte uns niemand. Heute schaust du in die erste Reihe und siehst Menschen mit ANVEE-Flaggen und ANVEE-Shirts. Du erkennst Gesichter von anderen Festivals wieder und weißt sofort: Die sind heute hier, weil sie uns sehen wollen. Und genau das macht den Unterschied. Dieses Gefühl ist etwas ganz Besonderes.


Ravepedia:

Ihr bewegt euch nach wie vor in einer eher männerdominierten Szene. Hattet ihr auf eurem Weg das Gefühl, euch mehr beweisen zu müssen als eure männlichen Kollegen? Und gab es Erlebnisse, die euch besonders geprägt haben?

ANVEE:

Eva: Ich glaube, das ist nicht nur ein Gefühl. Es ist einfach Fakt, dass wir uns mehr beweisen müssen als viele männliche Kollegen.

Lena: Amen.

Eva: Da gibt es halt zwei Seiten der Medaille. Als Frau in einer männerdominierten Szene bekommt man natürlich schnell Aufmerksamkeit, was ja erstmal nicht schlecht ist.

Das Problem daran ist aber, dass man dadurch oft nicht ernst genommen wird. Viele Menschen trauen einem die Fähigkeiten gar nicht erst zu, sondern bleiben bei der Meinung, dass man nur erfolgreich ist, weil man es als Frau leichter habe. Und da beginnt der Teufelskreis – die Aufmerksamkeit ist erstmal da aber um dich wirklich als Act zu etablieren und ernst genommen zu werden musst du so viel mehr beweisen, dass du deinen Platz verdient hast, als es ein Mann es je müsste.

In der Wahrnehmung der Leute bleibst du sehr lange das hübsche Mädchen, das bisschen auf der Bühne rum tanzt. Leider auch in der Szene.

Andere Acts feiern unsere Mashups und schreiben anschließend unseren Kollegen an, um danach zu fragen – weil sie automatisch davon ausgehen, dass irgendein Mann das für uns gemacht hat.
Dabei stammt es von uns selbst. Und das ist nicht nur einmal passiert und vor allem gibt es unzählige ähnliche Beispiele die man täglich erlebt.

Viele gehen automatisch davon aus, dass wir selbst nichts können. Häufig meinen sie das nicht mal böse, es ist leider unbewusst in den Köpfen verankert aber genau das nervt manchmal.

Lena: Eva hat das eigentlich perfekt zusammengefasst.

Wir müssen uns in dieser Szene einfach mehr beweisen als Männer. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sich das in unserer Bubble so schnell ändern wird. Viele Menschen haben ein festes Bild davon, wie diese Szene funktioniert. Und egal, was du machst oder beweist – manche wollen ihre Meinung gar nicht ändern.

Irgendwann muss man akzeptieren, dass es nicht unsere Aufgabe ist, jeden davon zu überzeugen.

Wir wissen, was wir können. Wir wissen, warum wir gebucht werden. Und wenn jemand damit ein Problem hat, dann ist das nicht unser Problem.


„Wir hatten einige Situationen, in denen wir hätten sagen können: Wir lassen es jetzt“

(c): ANVEE

Ravepedia:

Ihr seid nicht nur Kolleginnen, sondern auch Freunde. Wenn ihr euch gegenseitig beschreiben müsstet: Was bringt die jeweils andere mit, ohne das ANVEE nicht funktionieren würde?

ANVEE:

Eva: Lena ist definitiv der Ruhepol von uns beiden. Ich bin vor jedem Auftritt unglaublich nervös. Wirklich jedes Mal. Ich rechne oft erst einmal mit dem Schlimmsten und gerate schnell in Panik.

Dann brauche ich jemanden, der mich wieder auf den Boden holt und sagt: „Eva, jetzt beruhig dich mal.“

Lena: Ohne Evas Ehrgeiz wären wir heute wahrscheinlich noch nicht so weit.

Sie steckt unglaublich viel Zeit in die Musik, in Produktionen und in alles, was hinter den Kulissen passiert. Dazu kommt, dass sie sich komplett in neue Themen hineinfuchst und immer versucht, das Projekt weiterzuentwickeln.

Was uns beide verbindet, ist aber wahrscheinlich unser Durchhaltevermögen. Wir hatten in den vergangenen Jahren einige Momente, in denen wir hätten sagen können: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Aber wir haben uns immer wieder gegenseitig aufgebaut und motiviert.

Und was man vielleicht nicht erwarten würde: Eva ist auf der Bühne eine absolute Rampensau. Vor dem Auftritt ist sie die Nervosität in Person, aber sobald sie auf der Bühne steht und die Menschen mitgehen, ist davon nichts mehr zu sehen.

Eva: Zum Glück verschwindet die Nervosität, sobald die Leute mitmachen.

Lena: Währenddessen bleibe ich lieber hinter dem Pult.

Eva: Und genau deshalb ergänzen wir uns so gut. Lena behält den Überblick, während ich manchmal komplett in meinem Film bin und Dinge vergesse. Das funktioniert einfach.


Ravepedia:

Heute gibt es viele junge Frauen, die selbst davon träumen, irgendwann einmal auf einer Festivalbühne zu stehen. Empfindet ihr eine Verantwortung, ihnen zu zeigen: „Ihr könnt das auch schaffen“?

ANVEE:

Eva: Verantwortung ist vielleicht das falsche Wort. Aber wir wissen natürlich selbst, wie es ist und welche Herausforderungen man als Frau in dieser Szene erlebt.

Deshalb versuchen wir immer, andere Frauen zu unterstützen. Wenn ich auf Social Media unterwegs bin und sehe, dass irgendwo ein Mädchen gerade versucht, ihre Karriere aufzubauen, dann lasse ich meistens direkt ein Like oder einen Kommentar da. Einfach ein kleines „You go girl“.

Ich finde es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Gerade im Harddance-Bereich gibt es nach wie vor nicht besonders viele Frauen. Da tut es gut, wenn man sich gegenseitig pusht und einfach ein bisschen Liebe zeigt.

Mittlerweile gibt es natürlich einige Frauen, die riesige Vorbilder geworden sind. Gerade im Techno-Bereich gibt es viele erfolgreiche Künstlerinnen. Jemand wie Novah zum Beispiel hat eine unglaubliche Ausstrahlung und inspiriert viele Menschen.

Lena: Das zeigt ja auch: Es ist absolut möglich, als Frau erfolgreich zu sein. Man muss sich nur durchboxen und sich den Respekt erarbeiten. Man muss einfach eine harte Schale haben.


„Wir wollen nicht nur eine Fanbase – wir wollen eine echte Community“

(C): ANVEE

Ravepedia:

Lasst uns einmal in die Zukunft schauen. Stellt euch vor, wir führen dieses Interview in zehn Jahren noch einmal. Was müsste bis dahin passiert sein, damit ihr sagen könnt: „Dieser Weg hat sich wirklich gelohnt“?

ANVEE:

Eva:  Dass ich etwas besser hauptberuflich davon leben kann.

Lena: Dass ich überhaupt hauptberuflich davon leben kann. (lacht)

Und ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann an einem Punkt sind, an dem Veranstalter sofort merken, welchen Einfluss wir haben. Dass wir angekündigt werden und direkt Tickets verkauft werden, weil die Leute uns sehen wollen.

Eva: Ja, das wäre schon geil.

Für mich geht es aber gar nicht nur um Reichweite oder Zahlen. Mir geht es vor allem um die Community.

Ich finde es in der DJ-Szene oft schwierig, wirklich eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen. Das Wort „Fans“ mag ich eigentlich gar nicht so gerne. Community trifft es viel besser.

Ich komme ursprünglich aus der Twitch- und Streaming-Welt. Dort redet man ständig mit den Leuten. Irgendwann kennt man die Namen, kennt ihre Geschichten und hat eine echte Verbindung.

In der Musikbranche ist das deutlich schwieriger. Deshalb hoffe ich, dass wir in Zukunft noch bessere Wege finden, näher an unsere Community heranzukommen.

Das wäre etwas, worüber ich mich wirklich freuen würde.

Lena: Eva spricht meistens schon für uns beide.


Und genau dann merkst du, wie sehr du das Leben gerade liebst.

Ravepedia:

Stellt euch vor, jemand hört eure Musik zum ersten Mal spät in der Nacht auf einer Tanzfläche – genau in dem Moment, in dem sich alles richtig anfühlt. Was soll diese Person empfinden?

ANVEE:

Lena: Einfach pures Glück.

Eva: Bei mir ist das irgendwie mit einer Erinnerung verbunden.

Ich war in Kroatien in einem Open Air Club. Ich stand mitten auf der Tanzfläche zusammen mit meiner Freundin, es gab eine riesige Lichtshow und irgendein Song lief gerade. Ich weiß nicht mehr, welcher Song es war, aber ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl.

Ich stand einfach da, habe nach oben geschaut und dachte nur: „Wie geil ist eigentlich gerade alles?“ Es war einer dieser seltenen Momente, die man ganz bewusst wahrnimmt. Nicht einfach nur feiern, sondern wirklich spüren, wie glücklich man gerade ist.

Und genau dieses Gefühl wünsche ich jedem Menschen, der unsere Musik hört.

Lena: Bei mir war das auf dem Tomorrowland.

Das ist bis heute mein Lieblingsfestival. Viele Leute machen sich darüber lustig oder sagen, dass alle nur hinwollen, weil es eben Tomorrowland ist. Aber wenn man einmal dort war, versteht man es. Es ist tatsächlich das einzige Festival, das mich jemals zum Weinen gebracht hat.

Du stehst dort inmitten dieser Menschenmenge. Überall läuft Musik, die Lichtshow ist unglaublich und in diesem Moment fühlt sich einfach alles richtig an.

Ich war damals komplett nüchtern und trotzdem hat mich dieser Augenblick emotional komplett überwältigt. Man fühlt irgendwie alles und gleichzeitig gar nichts. Man ist einfach nur glücklich, dort zu sein.

Und genau dann merkst du, wie sehr du das Leben gerade liebst.

Ich glaube, dieses Gefühl kann nur Musik auslösen. Es gibt diese seltenen Momente, in denen man einfach dasteht und merkt, dass gerade alles passt – Genau das wünsche ich jedem Menschen auf dem Dancefloor.

Ravepedia: Das ist ein schöner Abschluss für unser Interview. Wir freuen uns auf viele weitere tolle Momente mit euch. Vielen Dank für eure Zeit!

ANVEE: Danke euch! ❤️